Vorstandskrise am Vorabend der IGMG Generalversammlung

Vorstandskrise am Vorabend der IGMG Generalversammlung

Fast völlig unbemerkt von der eigenen Basis und fernab jeglicher öffentlicher Aufmerksamkeit sollte die Generalversammlung der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) am 30.05.2021 stattfinden. Die Generalversammlung war wichtig, da der Vorstand um den Vorsitzenden Kemal Ergün sich um eine dritte Vorstandsperiode “bewerben” wollte. “Bewerben” in Anführungszeichen, weil Kemal Ergün wieder einmal ohne Gegenkandidaten für den Vorsitz antreten wird. Die IGMG Generalversammlung darf man sich nicht als ein Gremium vorstellen, in dem sich Kandidaten mit Programmen, Zukunftsvisionen und Gegenwartsanalysen um die Gunst der Delegierten streiten. Vielmehr ist sie eine mit ihrem Ablauf und ihrem Ergebnis vollkommen voraussehbare Notwendigkeit des Vereinsrechts.

Diese Ruhe wurde jedoch am Tag vor der Generalversammlung für die Öffentlichkeit, insbesondere für die verbandsinterne Öffentlichkeit, wahrnehmbar gestört. Am Samstag, einen Tag vor der Veranstaltung erklärte Hakki Çiftçi, ein langjähriges Mitglied des IGMG-Präsidiums und einer der engsten Vertrauten des Vorsitzenden Kemal Ergün, seinen Rücktritt. Çiftçi ist innerhalb der aktuellen IGMG-Führung ein wichtiger und gewichtiger Name. Er war der Regionalverbandsvorsitzende, in dessen angegliederter Moschee in den 90er Jahren Kemal Ergün seinen Pfad vom Gemeindeimam zum Vorsitzenden der IGMG betrat. Çiftçi war lange der Förderer von Kemal Ergün, der ihm den Weg zum Vorsitz ebnete. Necmettin Erbakan hatte auf seinem Sterbebett Ergün als Vorsitzenden, Çiftçi als seinen Stellvertreter designiert.

Am 29.05.2021 veröffentlichte Hakkı Çiftçi über sein Facebook-Profil folgende Erklärung (übersetzt aus dem türkischen Original, Auszug):

“VON DER ISLAMISCHEN EINHEIT ÜBER DIE AMGT ZUR IGMG.
Ich grüße Euch, liebe Freunde, liebe Weggefährten,
Ich habe die Möglichkeit gehabt, mit den Vorsitzenden Dr. Yusuf Zeynel Abidin, Osman Yumakoğulları, Ali Yükse[l]k, Dr. Yusuf Işık, Dr. M. Sabri Erbakan, Yavuz Çelik Karahan und Kemal Ergün zusammen meinen Dienst zu verrichten. Meine Funktionen innerhalb unserer Gemeinschaft, deren (Entwicklung) ich 40 Jahre lang bezeugen und stolz für meine Zugehörigkeit sein darf, dem Ermessen des Präsidiums überlassend, verabschiede ich mich.
Ich danke Yavuz Çelik Karahan als einem Großen unserer Sache, der mir die Möglichkeit gab, 3 Jahre im Präsidium eine Aufgabe zu übernehmen und meinem Weggefährten Kemal Ergün, mit dem ich 10 Jahre (2 Perioden) zusammen war, für ihr Vertrauen in mich. […]”

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Çağrıcı: „Necip Fazıl – ein Mensch der Ideologie“

Necip Fazıl Kısakürek (geb. 1904) ist in der Türkei nicht erst mit der AKP-Regierungszeit zu Ruhm gekommen, zumal er bereits 1983 verstarb. Aber wohl kaum in einer anderen Phase des Landes war NFK, wie er gerne abgekürzt wird, mit seinem Werk so wirkmächtig, wie in den letzten fast 20 Jahren. Seine Rezeption ist in konservativen Kreisen weit verbreitet, selbst der Präsident hat in seinen Reden immer wieder einen passenden Vers parat. Die Kritik an Kısakürek aus dem linken und kemalistischen Spektrum dürfte in ihrer Intensität der Glorifizierung auf der konservativen Seite entsprechen. Ein aktuelles Beispiel dieser Kritik kann man in Hasan Aksals „Türk Muhafazakarlığı’ (Der türkische Konservatismus) nachlesen, der ich mich inhaltlich auch weitgehend anschließen kann.

Was relativ selten wahrgenommen wird, ist die Kritik an Kısakürek von wiederum anderen Konservativen. Zum einen macht die Glorifizierung der Person Necip Fazıl es nicht leicht, aus dem konservativen Mainstream mit Kritik auszubrechen. Zum anderen läuft man nicht selten auch Gefahr, sich mit der Kritik an NFK als „Nestbeschmutzer“ heftigen Anfeindungen auszusetzen.

Umso bemerkenswerter ist vor diesen Hintergrund ein Beitrag des ehemaligen Muftis von Istanbul, Prof. Mustafa Çağrıcı, in seiner Kolumne in der Tageszeitung Karar, der Mitte Februar erschienen ist. Auch Çağrıcı erweckt zu Beginn seines Beitrags den Eindruck, dass er Kısakürek mehr lobt als kritisiert, jedoch sind die Analysen und das Fazit Çağrıcıs am Ende doch sehr eindeutig. Der Beitrag wurde zu Dokumentationszwecken aus dem Türkischen übersetzt:

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Charlotte Wiedmanns Einwurf zur postkolonialen Kritik

Ein wichtiger Einwurf von Charlotte Wiedmann zur aktuellen Entwicklung der postkolonialen Kritik:

Gewiss: Menschen mit afrikanischen Wurzeln sollen in der Debatte über Kolonialismus eine vernehmbare Stimme haben. Aber ich halte es im Kampf für eine egalitäre Gesellschaft eher für eine Falle, wenn Hautfarbe zum Gradmesser von Betroffenheit wird und aus der Betroffenheit eine Art Deutungshoheit abgeleitet wird. Niemand repräsentiert heute die einst Kolonisierten. Und ich habe außerhalb des weißen Europas zu viel Rassismus erlebt, um den Ausdruck People of Color für ein Synonym von Nicht-Rassist oder Nicht-Täter halten zu können.

Der vollständige Beitrag ist zu finden auf der taz: https://www.taz.de/!5441985/