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Innermuslimischer Diskurs auf Abwegen: Die privilegierten Stimmen und die Verleugnung innerer Probleme

Privilegierte Aktivisten und Defensivität

Der innermuslimische Diskurs hat nicht besonders viele Freunde. Kritiker erfahren in den größten religiös-muslimischen Organisationsstrukturen - den muslimischen Verbänden wie DITIB, IGMG, ATIB - kaum eine Daseinsberechtigung. Nun springen dieser strukturellen Diskursverweigerung aber auch noch privilegierte muslimische Aktivisten zur Seite, die selbst nie die Notwendigkeit verspürt haben, aktiv in diesen Strukturen sein zu müssen. Sie dürften die Verbände jedoch als notwendig für die Erfüllung ihrer eigenen Agenden ansehen; über die unkritische Anwaltschaft für diese Strukturen leiten sie Legitimität für die eigene Position und Authentizität für die eigene Haltung her. Die Defizite in den Verbänden stören sie dabei nicht. Diese stärken sogar die Abhängigkeit der Verbände für die Anwaltschaft der Aktivisten. Über den defizitären Zustand der Verbände erscheint zudem die eigene, vermeintlich intellektuelle Positionierung in einem besonders guten Licht. Sie werden zu Vermittlern und Brückenbauern - beides Ansprüche, die unerfüllt bleiben.

Wir erleben diesen Mechanismus aktuell erneut in der Debatte um Antisemitismus in den unterschiedlichen muslimischen Milieus. Statt diese Probleme offen anzusprechen und ein Interesse an ihrer Lösung zu haben, wird entweder die Existenz antisemitischer Haltungen grundsätzlich verneint, vermeintlich als zwangsläufige, historische Entwicklung erklärt oder, mit dem Hinweis auf erfahrenen antimuslimischen Rassismus, die Beschäftigung mit dem Problem Antisemitismus auf die Zeit nach dem endgültigen Ende jeglicher antimuslimischer Diskriminierung verschoben - also auf unbestimmte Zeit.

Die Leugnung oder Verharmlosung von Antisemitismus in muslimischen Gemeinschaften durch diese selbsternannten Fürsprecher ist unaufrichtig und gefährlich. Missstände innerhalb der muslimischen Milieus werden bewusst ignoriert. Dabei wäre die Problemfeststellung der erste Schritt für die Lösungsfindung. Den Verbänden wird von diesen Aktivisten jedoch eher zugeflüstert, sie müssten sich mit diesen Problemen nicht auseinandersetzen, da ja erst der Rassismus der Mehrheitsgesellschaft überwunden werden müsse.

Bis dahin? - Narrenfreiheit für die muslimischen Verbände.

Fehlende Reaktionen und blockierte Diskurse

Vor diesem Hintergrund sind die ausbleibenden oder fehlenden Reaktionen muslimischer Organisationen auf kritische Ereignisse wie die Terroranschläge der Hamas keine relevanten Themen für diese Aktivisten. Ebenso bleiben islamistische und antisemitische Bestrebungen im Innenverhältnis der Verbände im Besonderen und der muslimischen Community im Allgemeine unbeachtet. Diskriminierungen, die eigene Minderheitsgruppen wie schwarze Muslime, Sinti und Roma oder behinderte Muslime in den eigenen Reihen erfahren, werden ebenfalls nicht thematisiert. Diese defensive und ablehnende Haltung der meisten muslimischen Verbände gegenüber innere und äußere Kritik blockiert notwendige Diskussionen und Reflexionen, was hinderlich für Fortschritt und echten Dialog ist. Die privilegierten Aktivisten liefern ihnen dafür den intellektuellen Unterbau.

Dabei müssten diese, nach eigenem Anspruch für Fragen der Diskriminierung besonders sensibilisierten Aktivisten auf die unterschiedlichen muslimischen Milieus und insbesondere die Verbände als größte muslimisch-zivilgesellschaftliche Strukturen einwirken, diese Sensibilität gegenüber Diskriminierungen in die eigene Haltung einfließen zu lassen. Denn Diskriminierung zu erfahren, ist kein Freifahrtschein, um selbst zu diskriminieren. Wer Diskriminierung aufgrund von Islamfeindlichkeit erfährt, sollte auch besonders sensibel gegen jede Form von Antisemitismus sein, nicht die eigene Diskriminierungs-Erfahrung als Entschuldigung für den eigenen Antisemitismus nutzen.

Der Weg zur ehrlichen Auseinandersetzung

Wenn es diesen privilegierten Aktivisten-Stimmen tatsächlich ernst ist mit ihrer Sorge um die muslimische Verbandslandschaft, dann sollten sie die Verbände nicht im Falschen bestärken. Aktuell befeuern sie mit ihrer identitären Anwaltschaft nur die Diskursverweigerung der Verbände und geben ihnen das Gefühl, dabei auch noch im Recht zu sein. Wenn morgen die Aktivisten jedoch keine Lust mehr auf die muslimische Community haben, werden sie aufgrund ihrer Privilegien ohne Probleme zu ihrem nächsten Fürsorge-Projekt weiterziehen. Die muslimische Community wird jedoch noch lange Zeit die Auswirkungen der destruktiv-identitären Agenda der Aktivisten ausbaden müssen - sowohl nach außen, als auch nach innen.