IGMG ohne “Milli Görüş” - Fakt oder Fiktion?

28.01.2022
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Am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus hatte die IGMG (Islamische Gemeinschaft Milli Görüş) noch ein #WeRemember-Sharepic in ihren sozialen Medien geteilt, am nächsten Tag meldet die Welt jedoch die Entlassung eines Imams der IGMG wegen der Verbreitung von antisemitischen Inhalten. Der Imam der Bonner Gemeinde hatte auf seinem Instagram-Kanal bereits im Mai 2021 in einem selbst veröffentlichten Video zutiefst antisemitische Aussagen verbreitet.

Einige Tage zuvor war bereits ein anderer Theologe der IGMG aufgefallen. Dieser hatte in Instagram-Posts andersdenkenden Muslimen “kufr” (Unglauben) vorgeworfen und in seiner Wahrnehmung “liberale” Muslime als “Viren” herabgewürdigt. Bereits im letzten Jahr trat der selbe Imam mit relativierenden Aussagen zu den Taliban in Erscheinung. Der IGMG Generalsekretär Bekir Altaş verneinte auf eine Nachfrage zwar, dass es sich bei der Person um einen Theologen der IGMG handelt, dieser nur bei einer Partnerorganisation der IGMG beschäftigt wäre und seit Ende des Jahres auch das nicht mehr. Jedoch wurde der Theologe auf dem IGMG-eigenen Sender Camia TV als “IGMG Irschadabteilung” gelabelt, er durfte als Moderator einer vom Islamrat und der IGMG verantworteten Videoreihe auftreten und saß noch am 15. Januar 2022 in einer Online-Sitzung der Regionalvorsitzenden der IGMG Jugend dem Vorsitzenden der IGMG, Kemal Ergün, gegenüber.

Hoffnung deutschsprachige Imame

Innerhalb nicht einmal einer Woche fielen damit zwei der deutschsprachigen Hoffnungsträger-Imame/-Theologen der IGMG mit antisemitischen und menschenfeindlichen Aussagen auf. Beide Male reagierte die IGMG mit Kündigung oder Amtsenthebung. Das könnte als Maßnahme reichen, wäre das hier sichtbar gewordene Problem nur eine zufällige Ansammlung von Einzelfällen. Durch die mittlerweile eintretende Deutschsprachigkeit und Internet-Affinität der jungen Imame wird vielmehr eine ideologische Haltung und Ausrichtung nun öffentlichkeitswirksam, die in der bisher rein türkisch-sprachigen Imamschaft teilweise zum guten Ton und zum Mainstream gehörte

Gerade mit Blick auf das Erbe des ehemaligen und seit dem Vorsitz von Kemal Ergün wiedererweckten geistigen Führers Erbakan ist die Frage nach der Rolle seines Antisemitismus relevant. Zudem durften in den letzten Jahren extreme Akteure aus der Türkei wie Ebubekir Sifil und Ihsan Şenocak - nur zwei führende Namen immer stärker werdender hochideologisierter Gruppen, die unter dem Banner der Reinheit des Ehli Sunnah Glaubens verantwortlich für zahlreiche “Ketzerjagden” in der Türkei gegenüber andersdenkende Muslime zeichneten - intensiv in die Jugendarbeit der IGMG wirken.

Geistiger Vater Erbakan

In dem Welt-Beitrag von Lennart Pfahler gibt es noch weitere bemerkenswerten Aussagen. Eren Güvercin verweist darauf, dass die Aussagen des Bonner Imams kein Betriebsunfall seien. Bis heute werde der geistige Vater der Bewegung Erbakan in der IGMG verehrt und es fehle an einer ernsthaften und ehrlichen Auseinandersetzung mit dem ausgeprägten Antisemitismus eines Erbakan.

Der aktuelle Vorfall hätte ein Anlass sein können, diese Auseinandersetzung anzustoßen. Statt sich mit einer Kündigung oder Entbindung von allen Aufgaben als Institution aus der Verantwortung zu ziehen und das Problem zu personalisieren, hätte sich die IGMG eingestehen können, dass sie ein inhaltliches und strukturelles Problem hat, dem sie sich nun institutionell stellen muss.

Der IGMG Generalsekretär beteuert in seiner Stellungnahme gegenüber der Welt, der Verband habe sich mit den antisemitischen Inhalten Erbakans auseinandergesetzt und daraus Konsequenzen gezogen. Die Wege zwischen der IGMG und der Milli-Görüs-Bewegung hätten sich getrennt. Dabei kreuzen sich die Wege des Verbandes alljährlich zum Todestag Erbakans wieder mit diesem. Unter dem Label “Önden Gidenler”, die “Vorangegangenen” (ins Jenseits) wird vordergründig verstorbenen Größen der islamischen Szene in der Türkei und der Welt gedacht. Zufällig finden diese Veranstaltungen jedoch immer um den Todestag von Erbakan Ende Februar herum statt. Sein Antisemitismus, seine Illiberalität und auch sein missbräuchliche Haltung gegenüber der IGMG kommen in den Erbakan-Huldigungen nicht vor. Im Gegenteil, er wird unter anderem als einer der “größten muslimischen Führer unseres Jahrhunderts” angepriesen.

Ein Verband - zwei Sprachen?

Insofern erscheint die von Altaş angeführte “Auseinandersetzung” mit Erbakan und die angeführte Trennung von der Milli-Görüs-Bewegung nur in Erklärungen gegenüber Presseanfragen, jedoch nicht im innerverbandlichen Diskurs. Tatsächlich gab es in dem Vorstand vor der Zeit von Ergün und zur Lebenszeit von Erbakan heftige Auseinandersetzungen mit Erbakan, die sogar bis zur Abspaltung der Erbakan-treuen aus der IGMG führte. Dies endete jedoch mit der Ernennung von Kemal Ergün als neuen Vorsitzenden der IGMG am Vortag seines Todes durch Erbakan selbst. Gegen den letzten Willen der sterbenden Größe Erbakan konnten sich seine Kritiker schließlich nicht mehr halten.

Mit Erbakan als Legitimationsgrundlage für die eigene Amtseinsetzung überrascht es wiederum nicht, dass die erste Erbakan-Biografie in der IGMG unter dem Vorsitz von Ergün im Eigenverlag der IGMG erschienen ist. In dem Band geht es um sein “Islamverständnis”, sein “Dschihadverständnis”, sein Verständnis von seiner “Gerechten Ordnung” oder darum, was für ein “osmanischer Gentleman” er war. Seine problematischen Seiten finden in dem Werk nicht statt.

Die von Altaş in seiner aktuellen Stellungnahme, aber vorher schon vom Vorsitzenden Ergün in einem deutschsprachigen Interview angeführte Formel einer “Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş” ohne Erbakan und Milli-Görüs-Bewegung mag vielleicht vor der Zeit von Ergün noch eine Möglichkeit gewesen sein. Heute kann diese Selbstbeschreibung nur als Fiktion und Fassade für die allgemeine Öffentlichkeit angesehen werden.

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Engin Karahan

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