Charlotte Wiedmanns Einwurf zur postkolonialen Kritik

Ein wichtiger Einwurf von Charlotte Wiedmann zur aktuellen Entwicklung der postkolonialen Kritik:

Gewiss: Menschen mit afrikanischen Wurzeln sollen in der Debatte über Kolonialismus eine vernehmbare Stimme haben. Aber ich halte es im Kampf für eine egalitäre Gesellschaft eher für eine Falle, wenn Hautfarbe zum Gradmesser von Betroffenheit wird und aus der Betroffenheit eine Art Deutungshoheit abgeleitet wird. Niemand repräsentiert heute die einst Kolonisierten. Und ich habe außerhalb des weißen Europas zu viel Rassismus erlebt, um den Ausdruck People of Color für ein Synonym von Nicht-Rassist oder Nicht-Täter halten zu können.

Der vollständige Beitrag ist zu finden auf der taz: https://www.taz.de/!5441985/

Eine Herausforderung für die Muslime in Deutschland – Die aktuelle Flüchtlingssituation

Eine Herausforderung für die Muslime in Deutschland – Die aktuelle Flüchtlingssituation

(Ursprünglich erschienen in der “Junge Kirche, 2/16, S. 28-29)

Die Frühgemeinde des Islams kannte das Phänomen der Flucht nur zu gut. Drei Mal versuchten die ersten Muslime in Mekka der allgegenwärtigen Unterdrückung der eigenen Stammesbrüder zu entgehen. Zwei Mal brachen jeweils kleinere Gruppen von Muslimen in das christliche Abessinien auf und suchten dort Zuflucht bei dessen christlichen Herrscher. Schließlich verließ fast die gesamte mekkanische Gemeinde auf Einladung der Einwohner der Stadt Yasrib ihre Heimat, als einer der letzten der Prophet selbst. Seine Flucht aus Mekka und seine Auswanderung nach Medina werden als dermaßen einschneidendes Moment angesehen, dass sie den Beginn der muslimischen Kalenderrechnung kennzeichnen.

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Repräsentation und Öffentlichkeitsarbeit muslimischer Religionsgemeinschaften

Repräsentation und Öffentlichkeitsarbeit muslimischer Religionsgemeinschaften

Die letzten Monate waren für Vertreter der muslimischen Gemeinschaften nicht sehr einfach. Die Krisen gaben sich an der Verbandspforte die Klinke in die Hand. Betroffen von den einzelnen Krisen waren dann am Ende auch wieder alle zusammen. Das Getrieben-Sein ist jedoch nicht unbedingt ein “fremdgesteuerter” Zustand, vielmehr entstand und entsteht noch weiterhin der Eindruck, dass die Gemeinschaften sich am liebsten noch selbst ein Bein stellen. Besonders wird dies in der aktuellen Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinschaften deutlich.

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Die Moschee im Dorf lassen – DITIB und der türkische Einfluss

Die Moschee im Dorf lassen – DITIB und der türkische Einfluss

Die aktuell laufende Debatten um die Spitzelvorwürfe gegenüber der DITIB lassen andere muslimische Gemeinschaften in Deutschland nicht unbeeindruckt zurück. Die Vorwürfe beschränken sich zwar auf die DITIB, von den Auswirkungen sind aber auch Islamrat, VIKZ, ZMD und sogar die AABF betroffen. Das Land Niedersachsen hat die Staatsvertragsverhandlungen mit allen Landesvertretungen der Gemeinschaften eingestellt, das Land NRW lässt nach einer rechtlichen und soziologischen Begutachtung nun auch mögliche politische Implikationen begutachten – bei allen beteiligten Gemeinschaften.

Was innerhalb der DITIB zu Beginn noch als Beamtenübereifer und völlige Fehleinschätzung einiger Karrieristen hinsichtlich der Verantwortung als Religionsgemeinschaft in Deutschland begann, hat sich mittlerweile zu einer handfesten Struktur- und Daseinsdebatte über die DITIB und zu einer Loyalitäts- und Zugehörigkeitsdebatte mit Blick auf die türkischstämmigen Muslime in Deutschland entwickelt. Eine Entwicklung, zu der insbesondere das verworrene und intransparente Auftreten der DITIB-Führung einen großen Beitrag geleistet hat.

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Tagesspiegel-Causa: Die Moschee im Dorf lassen

Tagesspiegel-Causa: Die Moschee im Dorf lassen

Am 12. April 2017 ist der Beitrag “Die Moschee im Dorf lassen – DITIB und der türkische Einfluss” von Engin Karahan auf der Debattenplattform Causa des Tagesspiegels erschienen:

Die aktuell laufende Debatte um die Spitzelvorwürfe gegenüber der DITIB lassen andere muslimische Gemeinschaften in Deutschland nicht unbeeindruckt zurück. Die Vorwürfe beschränken sich zwar auf die DITIB, von den Auswirkungen sind aber auch Islamrat, VIKZ, ZMD und sogar die AABF betroffen. Das Land Niedersachsen hat die Staatsvertragsverhandlungen mit allen Landesvertretungen der Gemeinschaften eingestellt, das Land NRW lässt nach einer rechtlichen und soziologischen Begutachtung nun auch mögliche politische Implikationen begutachten – bei allen beteiligten Gemeinschaften.

Was innerhalb der DITIB zu Beginn noch als Beamtenübereifer und völlige Fehleinschätzung einiger Karrieristen hinsichtlich der Verantwortung als Religionsgemeinschaft in Deutschland begann, hat sich mittlerweile zu einer handfesten Struktur- und Daseinsdebatte über die DITIB und zu einer Loyalitäts- und Zugehörigkeitsdebatte mit Blick auf die türkischstämmigen Muslime in Deutschland entwickelt. Eine Entwicklung, zu der insbesondere das verworrene und intransparente Auftreten der DITIB-Führung einen großen Beitrag geleistet hat.

Hier geht es zum Beitrag auf Tagesspiegel.de

Rechtlich zweifelhaft, politisch 10 Jahre in der Vergangenheit

Kommentar zu dem Papier „Islamische Verbände und Religionsgemeinschaft“
der MdBs Volker Beck und Cem Özdemir

Rechtlich als auch sachlich weitgehend falsch. Zu diesem Ergebnis führt die Lektüre des Positionspapiers, das die beiden Grünen-Abgeordneten Volker Beck und Cem Özdemir Mitte November zu islamischen Verbänden und Religionsgemeinschaften vorgelegt haben. In dem Papier kommen die beiden Autoren zu dem Ergebnis, dass es sich bei den vier muslimischen Gemeinschaften DITIB, Islamrat, VIKZ und ZMD nicht um Religionsgemeinschaften handelt. An der Begründung dieser These scheitert die – wohl als persönliche zu verstehende – Stellungnahme der Abgeordneten. So bleiben nicht nur die Annahmen über die Natur und das Funktionieren der vier genannten Gemeinschaften weit hinter dem Stand der aktuellen wissenschaftlichen Forschung zu muslimischen Gemeinschaften zurück, auch die rechtlichen Ausführungen sind streckenweise nicht nachvollziehbar und unzutreffend. Einige Argumente sollen hier exemplarisch aufgegriffen werden.

Sachlich ist schon die für die Publikation zentrale Aussage unbegründet, die vier Verbände wären in ihrer “Zusammensetzung national, politisch oder sprachlich, nicht aber bekenntnisförmig geprägt”. Die Autoren begnügen sich damit, die Verbände auf Seite 7 und 8 holzschnittartig nachzuzeichnen. Weder wird dabei der aktuelle wissenschaftliche Forschungsstand, noch das Selbstverständnis der Gemeinschaften oder die in ihnen praktizierte alltägliche Religionspraxis aufgegriffen.

Rechtlich unzutreffend ist bereits die Annahme auf Seite 1, alle Muslime müssten mitgliedschaftlich in den vier genannten Verbänden organisiert sein, damit diese Religionsgemeinschaften sein können. Ebenso unschädlich ist es, wenn nur ein Teil der Muslime überhaupt Mitglied in einem oder mehreren muslimischen Verband sind. Dann beschränkt sich die Vertretungsbefugnis der jeweiligen Gemeinschaften nur auf diese Gläubigen – mehr wird aber von den genannten vier Gemeinschaften nicht beansprucht. Das Religionsverfassungsrecht erwartet von Religionsgemeinschaften dort wo es notwendig ist (Kirchensteuer, Beteiligung am Religionsunterricht in der Schule) eine möglichst eindeutige und nachvollziehbare Mitgliedschaftsregelung. Dabei muss aber auch das jeweilige Selbstverständnis der Religionsgemeinschaften berücksichtigt werden. Das Papier setzt stattdessen ein wohl eher als katholisch zu bezeichnendes Verständnis von Kirchenzugehörigkeit und Mitgliedschaft voraus, das jedoch nicht von den muslimischen Gemeinschaften übernommen werden muss und auch nicht übernommen werden kann. Dieser Umstand wurde bei den bisher eingerichteten Religionsunterrichten in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen in Einklang mit den muslimischen Gemeinschaften auf der Verwaltungsebene entsprechend berücksichtigt. Weiterlesen

NRW Gesetz verfassungswidrig? – Entscheidung zu Bremen, Fragezeichen in NRW

Das Bundesverfassungsgericht hat über eine Bremer Situation geurteilt, die Auswirkungen werden aber auch Nordrhein-Westfalen erfassen. Die zweite Zeugen-Jehovas-Entscheidung des BVerfG wirft auch Fragen zum neuen Körperschaftsstatusgesetz in NRW auf.

In Bremen hat das BVerfG die ausschließliche Zuständigkeit des Landesgesetzgebers für die Verleihung des Status Körperschaft des öffentlichen Rechts an Religionsgemeinschaften gerügt und den relevanten Art. 61 Satz 2 der Bremischen Landesverfassung für nichtig erklärt.

In NRW gibt es diese “Ausschließlichkeit” nicht von Anfang an, doch kann auch dort der Verleihungsakt “ausschließlich” vom Landtag abhängig werden. Könnten Teile des NRW Körperschaftsstatusgesetz demnach auch verfassungswidrig sein?

Karahan, Körperschaftsstatusgesetz verfassungswidrig? – Die Auswirkung der zweiten Zeugen-Jehovas-Entscheidung des BVerfG auf Nordrhein-Westfalen, Religion – Weltanschauung – Recht [RWR] vom 19.08.2015

 

„Kurzzeit“-Imame bleiben – trotz CDU2017

„Das vielfach praktizierte Modell des “Import-Imam”, der aus dem Ausland geschickt und bezahlt wird und kaum deutsch spricht, ist ein Hindernis für gute Integration“, heißt es in einem aktuellen Positionspapier der Unions-Arbeitsgruppe „CDU2017“. Neben anderem wird in dem Papier auch auf die Notwendigkeit deutschsprachiger Imame abgestellt und der „Import“ von Imamen aus dem Ausland kritisiert. Medial wird das Plädoyer des jungen CDU-Abgeordneten Jens Spahn als Forderung eines Einreiseverbots für diese Kurzzeit-Imame “Bild”: CDU-Politiker wollen Einreiseverbot für Kurzzeit-Imame.

Dabei fehlt es für solch eine Forderung an einer rechtlichen Grundlage. Der Versuch der rechtlichen Behinderung der Einreise würde zahlreiche Komplikationen auch für Kirchen und andere Gemeinschaften nach sich ziehen, wenn es denn am Ende nicht mit einer Sonderregelung nur für Muslime „gelöst“ werden sollte.

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Zu viel Islam? – Der Islamdiskurs als überladene Ersatzdebatte

Zu viel Islam? – Der Islamdiskurs als überladene Ersatzdebatte
Vortrag vom 21.04.2015 – Islamforum Rheinland-Pfalz, Ludwigshafen

Krippenspiel und Weihnachtsmarkt

Auch wenn es in diesem Vortrag um den Islam gehen soll, will ich erst einmal mit etwas Nicht-Islamischem beginnen: einem Krippenspiel.

Die Luthergemeinde in Worms will in der zurückliegenden Vorweihnachtszeit ein Krippenspiel auf dem Weihnachtsmarkt aufführen. An sich nichts Besonderes. Diese Aufführung unterscheidet sich jedoch etwas von den Traditionellen. Die Luthergemeinde spielt eine fiktive, an die Darstellung aus dem Matthäus-Evangelium angelehnte Geschichte. Jesus, Maria und Josef sind auf der Flucht und stoßen an der Grenze zu Ägypten auf einen Grenzbeamten. Dieser ist nicht besonders amüsiert über die neuen Flüchtlinge. Ihren Beweggrund der religiösen Verfolgung glaubt er ihnen nicht und er hält ihnen vor, eigentlich Wirtschaftsflüchtlinge zu sein.

Zum Politikum wird das Ganze, als die Stadt die Aufführung auf dem Weihnachtsmarkt verbietet und das Verwaltungsgericht diese Entscheidung bestätigt. Aufhorchen lassen die Begründungen von Verwaltung und Justiz:
Mit diesem ungewohnten Krippenspiel “störe man die besinnliche Stimmung, die auf dem Weihnachtsmarkt herrsche und die Aktion passe nicht ins Konzept, denn sie sei nicht kindgemäß”. Außerdem brauche es auch im öffentlichen Raum Bereiche, die von gesellschaftlichen Problemen freizuhalten sind. Von Seiten des Gerichtes hieß es, die Aktion verletzte die Rechte Dritter auf einen ungestörten Besuch des Weihnachtsmarktes.

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Zukunftsperspektive II – Moscheegemeinde, Gemeindemitglied, Bundesebene und die Finanzen

Teil V des Essays: Von Provisorien zu dauerhaften Strukturen
Die muslimische Institutionalisierung in Deutschland

Im vorletzten Teil des Beitrages wurde die Möglichkeit der Bildung von gemeinsamen Landesreligionsgemeinschaften auf der Länderebene aufgeworfen. In dem fünften und letzten Teil des Essays sollen nun Fragen nach der Rolle der Moscheegemeinde, der Gemeindemitglieder, der Bundesebene und natürlich nach der Frage der Finanzierung aufgegriffen werden.

Moscheegemeinde und Gemeindemitglied

Die Landesreligionsgemeinschaft ist formal erst einmal ein eingetragener Verein.  Mitglieder sind möglichst alle Moscheegemeinden in dem jeweiligen Bundesland. Die Entscheidung zum Beitritt liegt dabei bei der Moscheegemeinde.  Das personelle Substrat ist das einzelne muslimische Mitglied in der Moscheegemeinde.

Noch nicht befriedigend geklärt ist die Frage der Mitgliedschaft in den Gemeinden. Bisher werden von den meisten Gemeinden nur die Fördermitglieder erfasst, in der Regel nur das zahlende Familienmitglied, obwohl die gesamte Familie am Gemeindeleben teilnimmt. Als Gemeindemitglieder werden jedoch in der Regel alle wahrgenommen, die die religiösen Dienste in der Moscheegemeinde wahrnehmen, insbesondere die Freitags- und Festtagsgebete. Die Zahl der Fördermitglieder dürfte allgemein nur bei einem Fünftel der Zahl der Gemeindemitglieder liegen.

Eine gemeinsame einvernehmliche Erfassungspraxis zwischen den Gemeinschaften existiert bisher nicht. Es gibt zwar einzelne Bestrebungen, ein Register über die Fördermitglieder hinaus zu erstellen, doch dürfte die Zuverlässigkeit und insbesondere die Vertretungsberechtigung eines solchen Registers im Alleingang einer einzelnen Gemeinschaft ohne die bisher nicht gegebene Zuordnungsmöglichkeit bezweifelt werden. Dies kann nur erreicht werden, wenn ein gemeinsamer Konsens zwischen den Gemeinschaften über die Definition der Gemeindemitgliedschaft und der Zuordnung erzielt wird. Eine gemeinsame Struktur wie die Landesreligionsgemeinschaft kann die Grundlage für solch eine Konsensfindung sein.

Die Identität der einzelnen Moscheegemeinde bleibt bei all dem jedoch unberührt. Aufgrund der notwendigen Subsidiarität solch einer Struktur verbleiben sehr viele Kompetenzen bei der Moscheegemeinde. Als Verwirklichungsort religiös-gemeinschaftlichen Lebens werden gerade die Fragen der jeweiligen Eigen- und Besonderheiten der Moscheegemeinden vor Ort getroffen und nicht auf der Landesebene.

Delegierten und Organe

Das zentrale Organ der  Landesreligionsgemeinschaft ist die Delegiertenversammlung (Schura). In diese entsenden die Moscheegemeinden je einen Delegierten. Zu Beginn dürfte es sicherlich von der Umsetzung her einfacher sein, wenn diese Delegierten jeweils durch den Vorstand benannt werden. Entwickeln sollte sich diese Entsendung jedoch in Richtung eines Wahl- und Entsendeverfahrens, in das die Gemeindemitglieder direkt eingebunden werden. Dies würde zum einen dem einzelnen Moscheemitglied einen weiteren Bereich eröffnen, in dem er aktiv werden kann, zum anderen würde dies die Identifikation mit der Landesstruktur auf der Mitgliederebene fördern.

Zu Beginn wird es sicherlich einfacher sein, wenn jede Moscheegemeinde jeweils einen Delegierten in die Schura entsendet, unabhängig von der jeweiligen Gemeindegröße. Mit der Zeit wird jedoch die Berücksichtigung der jeweiligen Größe in den Delegiertenzahlen notwendig sein. Dafür wird wiederum erst einmal die Frage nach der gemeinsamen Definition des Gemeindemitglieds und der jeweiligen Zuordnung geklärt werden müssen.

Aufgabe der Schura ist es den Vorstand zu wählen und dessen Tätigkeits- und Finanzbericht entgegen zu nehmen. Weiterhin wird der Fiqh-Rat, das für die theologischen Fragestellungen zuständige Gremium, von der Schura eingesetzt.

Über einen Aufsichtsrat gibt es auch die Möglichkeit, die weitergehenden Gliederungen der bestehenden Verbandsstrukturen aktiv in diese Organisationsform einzubinden. Diese können von der Schura als Vertreter der Landesstrukturen der etablierten Gemeinschaften in den Aufsichtsrat gewählt werden. Damit kann sowohl das über Jahrzehnte gewachsene Organisations-Know-how erhalten bleiben, als auch die Bereitschaft der bestehenden Gemeinschaften erhöht werden, die gemeinsame Landesreligionsgemeinschaft mitzugestalten.

Der Vorstand erfüllt das Tagesgeschäft der Gemeinschaft und vertritt diese gegenüber der Öffentlichkeit und insbesondere gegenüber dem Land.

Bundesebene und Finanzierung

Auf der Bundesebene schließen sich die so entstandenen Landesreligionsgemeinschaften schließlich zu einer islamischen Bundesreligionsgemeinschaft zusammen. Auch hier können die bestehenden Gemeinschaften in einem Aufsichtsrat ihren Platz einnehmen.

Da Religion in der Regel Ländersache ist, beschränken sich die Aufgaben der Bundesebene auf Koordinierungs- und Repräsentanzfunktionen. Sie ist darüber hinaus der Ansprechpartner für die Bundesregierung und der Kooperationspartner in Fragen der Anstalts- und Militärseelsorge.

Geklärt werden müsste natürlich im Vorfeld der Gründung einer Landesreligionsgemeinschaftsstruktur die Frage der Finanzierung. Diese wird nämlich nur bedingt durch Ehrenamtliche aufrechterhalten werden können. Insbesondere durch einen Anstieg der Kooperationsbereiche mit dem Staat werden immer mehr Fachleute dauerhaft in die Arbeit eingebunden werden müssen, teilweise wird es dabei sicherlich zu Verschiebungen von Kompetenz und Personal von den etablierten Gemeinschaften hin zu den Landes- und Bundesreligionsgemeinschaften kommen. Dies wird jedoch nur funktionieren, wenn es auch eine entsprechende Verschiebung von Finanzierungsquellen hin zu den neuen Strukturen gibt.

Weiterhin müsste geklärt werden, wie mit bestehenden muslimischen Initiativen, die keine Religionsgemeinschaftseigenschaft haben, aber bereit und interessiert sind, an der Arbeit der Religionsgemeinschaften mitzuwirken, Kooperationen eingegangen oder diese sogar institutionell mit eingebunden werden können.

Ergebnis

Insgesamt wäre mit der Gründung gemeinsamer Landesreligionsgemeinschaftsstrukturen der Weg für die Erarbeitung tragfähiger gemeinsamer Positionen eröffnet. Ein stärkeres Zusammenrücken sowohl an der Basis als auch auf Landes- und Bundesebene der Muslime wäre ein natürliches Resultat. Das mit der Zeit organisationssoziologisch kaum vermeidbare Problem des Auseinanderdriftens theologischer Inhalte zur Aufrechterhaltung der Unterscheidbarkeit untereinander wäre somit zumindest beherrschbar. Insgesamt wäre eine effektivere und professionellere Vertretung der Muslime in Deutschland möglich.

Durch die Etablierung der Landesreligionsgemeinschaften hätten die Muslime in Deutschland erstmals eine reale Chance darauf, gemeinsam die bestehenden und zukünftigen Herausforderungen in Angriff zu nehmen, gemeinsame und verlässliche Positionen zu erarbeiten und gemeinsame Lösungen für gemeinsame Probleme zu finden. Der Fokus würde dabei auf dem gemeinsamen, auf dem konsensualen Element liegen. Dies verlangt zwar von allen Beteiligten eine bisher nicht da gewesene innermuslimische Kompromissbereitschaft, aber nur mit dieser Kompromissbereitschaft wird eine funktionierende muslimische Institutionalisierung bestehen, mit der sich die breite muslimische Basis auch in Zukunft wird identifizieren können.

Bisher erschienen:

Teil I: Moscheegemeinden in Deutschland und ihre historische Entwicklung
Teil II: Der Status Quo der muslimischen Gemeinschaften
Teil III: Möglichkeit und Notwendigkeit der Zusammenarbeit von muslimischen Gemeinschaften
Teil IV: Zukunftsperspektiven für die muslimische Verbandslandschaft in Deutschland
Teil V: Zukunftsperspektive II – Moscheegemeinde, Gemeindemitglied, Bundesebene und die Finanzen

Bildmaterial: NAIA Terminal 3 Muslim Prayer Room © brownpau @ flickr.com, bearb. R&R


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