In manchen Gemeinden kamen bis zu 25 Prozent Neuzugänge zu den Freitagsgebeten hinzu. Die Moscheen mussten die Flüchtlinge nicht erst aufsuchen, sie hatten sie bereits im eigenen Haus. Im Unterschied zu anderen Akteuren geschah diese Arbeit auf rein ehrenamtlicher Basis. Von den Spitzenverbänden konnten zu Beginn DITIB und ZMD, zum Ende hin nur noch der ZMD öffentlich wahrnehmbare und professionelle Angebote aufbauen. Den Gemeinden fehlte oftmals jegliche konzeptionelle Unterstützung vonseiten der Dachverbände. Auf sich gestellt war das neue soziale Engagement nicht in allen Gemeinden oder zumindest nicht bei allen Gemeindevorständen oder -mitgliedern willkommen.

Diese fehlende Unterstützung und Anerkennung von sozialer Arbeit vor Ort führt mittlerweile dazu, dass Gemeinden immer häufiger fähiges Personal verlieren. Wer innerhalb der Gemein- den mit seinem Engagement nicht mehr weiter kommt, gründet mit Gleichgesinnten einen entsprechenden Verein.
„Wir hatten genug davon, für Selbstverständlichkeiten beim Moscheevorstand, beim Frauenvorstand und dann auch noch im Regionalverband betteln zu müssen“, beschreibt eine Mitgründerin eines muslimischen Jugendvereins ihre Beweggründe. „Jetzt machen wir das so, wie wir es für richtig halten“.
Dabei findet keine Abwendung von der Moscheegemeinde statt. Diese Akteure sehen ihre Aktivitäten nicht als Alter- native zur Moschee, wollen keinen eigenen Gebetsraum oder Ähnliches in ihren neu geschaffenen Institutionen einrichten. Sie bleiben vielmehr dem religiösen Milieu verbunden, nehmen es aber nicht mehr hin, dass ihnen der Wirkungsraum auf wenige starre Betätigungsformen in den Gemeinden beschränkt bleibt. Zum Freitagsgebet und zu anderen religiösen Veranstaltungen gehen sie weiter in ihre Moschee. Für ihre soziale Arbeit schaffen sie sich außerhalb eigenständige Institutionen, ohne sich von der Moschee zu entfremden.

Die Gemeinden verlieren mit diesen jungen Menschen nicht nur Akteure, die sie – ob ehren- oder hauptamtlich – in Zukunft bei möglichen Aktivitäten im sozialen Bereich brauchen werden. Sie verlieren qualifiziertes Führungspersonal für die Gemeinde. Die Moscheevorstände bluten damit nicht nur personell, sondern auch intellektuell aus. Es fehlt an Ideen für die Zukunftsplanung, für notwendige strukturelle und inhaltliche Reformen vor Ort. Der Sozialraum Moschee büßt damit immer mehr das Soziale ein und wird damit zum reinen Träger- und Erhaltungsverein für den Gebetsraum.
Bei den neu entstehenden sozialen Einrichtungen finden wir dagegen Vereine, deren Akteure sich aus einer religiösen Motivation heraus engagieren, ohne Religionsgemeinschaft oder religiöser Verein sein zu wollen. Eine strukturelle Anbindung an die bestehenden Gemeinschaften ist weder aufseiten der muslimischen Religionsgemeinschaften vorgesehen noch wird sie von diesen Akteuren angestrebt. Die Existenz des „Islamischen Kompetenzzentrums für Wohlfahrtswesen e. V.“, gegründet vor zwei Jahren von sieben muslimischen Spitzenverbänden und eines der Ergebnisse der dritten Phase der Islamkonferenz, ist selbst bei deren eigenen Mit- gliedern auf Lokal- und Regionalebene, teilweise sogar in den Zentralen nicht bekannt. Dabei könnte diese Institution eine wichtige Rolle einnehmen.

Das muslimisch-soziale Leben findet auf lokaler Ebene statt, mit viel Engagement, viel Ehrenamt und einem großen Bedarf an Konzepten und Vernetzungsmöglichkeiten. Die Wenigsten der neu entstandenen Institutionen schaffen es, neben all ihrer Arbeit mitzubekommen, dass es auch andere Akteure in ihrer Region gibt, mit denen sie sich austauschen oder zusammenarbeiten könnten. Immer wieder müssen sie das Rad vor Ort neu erfinden, oft fehlt es ihnen an passenden Qualifizierungsformaten.
„Ich habe fast hundert Mitarbeiter, die ich zielgruppenspezifisch für unsere Klienten fortbilden muss, ich finde aber keine passenden Anbieter“, beschreibt ein Pflegedienstanbieter aus dem Ruhrgebiet seinen Bedarf bei der Pflege von mehrheitlich muslimischen Klienten. Diese Beispiele machen deutlich, dass es nicht ausreicht, zu sagen, „die Tore zum Wohlfahrtssystem sind auch für muslimische Anbieter offen“. Denn es sind keine Gleichen unter Gleichen, die in das System eintreten sollen. Wir haben es zwar mit engagierten, aber auch relativ jungen Einrichtungen zu tun, die neben ihrer praktischen Arbeit auch konzeptionelle und inhaltliche Pionierarbeit leisten müssen.

Dies wäre einer der Bereiche, die in der neuen Auflage der Islamkonferenz, auch als Lehre aus der letzten, berücksichtigt werden müssten. Die Konferenz kann dabei helfen, die Träger vor Ort, die etwas leisten wollen, mit denen zusammenzubringen, die dieses Engagement unterstützen wollen – mit Förderprogrammträgern, mit Stiftungen und mit Verantwortungsträgern in der kommunalen Verwaltung und Politik. Die strukturelle Öffnung vor Ort kann jedoch nur dann funktionieren, wenn die Träger, die moscheenahen genauso wie die eigen- ständigen, in ihrer Institutionalisierung und ihrer Fachlichkeit fach- und trägerspezifisch qualifiziert werden.
Bei der Zusammensetzung der Konferenz gilt es zu berücksichtigen, dass sich die muslimische Basis mittlerweile neu formiert hat. Weiterhin müssen die muslimischen Gemeinschaften ein- bezogen werden und sich am Diskurs beteiligen. Es gibt aber auch immer mehr Akteure auf lokaler und regionaler Ebene, die mit eigenem Sachverstand und Zielgruppenzugang bereits jetzt schon nachhaltige Wirkung auf die muslimische Community und die Zivilgesellschaft haben. Die große Herausforderung wird darin liegen, für diese dezentralen und landesweit verteilten Initiativen Möglichkeiten zum Austausch, zur Vernetzung und zur Zusammenarbeit zu schaffen. Das wird die Islamkonferenz von sich aus nicht schaffen können, zumal sie sich damit dem Vorwurf der Übergriffigkeit aussetzen würde. Wie so etwas gelingen kann, das kann und sollte in der Konferenz gemeinsam diskutiert werden.