Die dritte Phase der Islamkonferenz leitete mit Blick auf die ersten beiden Runden einen Paradigmenwechsel ein: Fördern und Fordern schien nun die ungeschriebene Devise zu sein, statt des bisherigen ausschließlichen Forderns. Das Thema der Etablierung einer muslimischen Wohlfahrtsstruktur, vergleichbar mit Caritas oder Diakonie, kam auf die Tagesordnung, Bedarfe wurden ermittelt, Bestandsaufnahmen aufgestellt. Unter den etablierten Akteuren der Wohlfahrtsarbeit sollte auch der muslimische Wohlfahrtsverband seinen Platz einnehmen. Neben Vernetzung und struktureller Unterstützung wurden Förderprogramme wie „Flucht und Islam“ aufgestellt, um einerseits den gestiegenen Bedarf an muslimischer Flüchtlingshilfe abzudecken und andererseits die praktische Arbeit voranzutreiben.
Das Resultat ist am Ende eher bescheiden. Auf der lokalen Gemeindeebene entstanden zwar viele ehrenamtliche Flüchtlingsprojekte, aber kaum eines konnte aus dem Fonds unterstützt werden. Nicht weil dieser nicht zahlte – die bereitstehen- den Gelder wurden erst gar nicht abgerufen. Die Zentralen, die für die Erstellung beziehungsweise zumindest Weiterleitung der Anträge ihrer Gemeinden verantwortlich waren, erwiesen sich als Engstelle. Diejenigen, die soziale Arbeit anbieten wollten, und diejenigen, die dies fördern wollten, sie fanden nicht zueinander. Das Angebot der Öffnung der Wohlfahrtsstrukturen hatte für den Anspruch der an der Islamkonferenz teilnehmen- den Verbände fatale Folgen. Das Mantra „Wir könnten, wenn man uns lassen würde“, erwies sich als nicht mehr haltbar.

Vorausgegangen war dieser Entwicklung ein Substanzverlust der Verbände kurz nach Beginn des zweiten Jahrzehnts der Jahre nach 2000. Der global neu ausbrechende Nationalismus schlug sich in den Verbänden der mehrheitlich türkischstämmigen Gemeinschaften als eine immer dominanter werdende Re-Ethnisierung nieder. Innerhalb der Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) verloren die neuen Landesverbände ihre Kompetenzen wieder an die Religionsattachés in den Konsulaten. An die Spitze der größten nicht-staatlichen Gemeinschaft, der „Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş“ (IGMG), kamen Imame, die mit dem bisherigen Öffnungskurs ihrer Vorgänger nicht viel anfangen konnten. In beiden Fällen fühlten sich die Verbandsspitzen innerhalb der türkischen Community als ausreichend wirkmächtig. Im Kontext der deutschen Öffentlichkeit führten ihre sprachlichen und habituellen Defizite jedoch zu Ohnmachts- und Rückzugstendenzen.

Fehlende Ansprechpartner aufseiten der muslimischen Verbände

Dabei bräuchte es aktiver Stimmen im gesamtgesellschaftlichen Diskurs, die mit Positionen aus unterschiedlichen muslimischen Perspektiven in den Debatten mitwirken. Das Fehlen der muslimischen Gemeinschaften als wichtige Stimmen im Diskurs fällt insbesondere an der muslimischen Basis auf – es fehlt an institutionellen Stimmen, die sich glaubhaft stark machen für die Partizipation in der Gesellschaft. Vor zehn Jahren hätte die Klage darüber, dass bei relevanten Themen muslimische Akteure erst gar nicht gefragt werden, wohl noch eine Berechtigung gehabt. In den letzten Jahren sind es Pressevertreter und an Kooperationen interessierte Vertreter der Zivilgesellschaft, die über fehlende Ansprechpartner aufseiten der muslimischen Verbände klagen.
Diese Entwicklung könnte man ignorieren, würden die muslimischen Gemeinschaften nicht zu den größten zivilgesellschaftlichen Akteuren gehören, die bisher von Muslimen in Deutschland aufgebaut worden sind. Dieser Rückläufigkeit auf Bundesebene stand die Entwicklung an der Basis diametral entgegen. Während sich die Zentralen immer mehr aus dem öffentlichen Diskurs und ihrem Gestaltungsanspruch entfernten, nahmen viele Moscheegemeinden auf lokaler Ebene die einsetzenden Flüchtlingsbewegungen zum An- lass, ihre sozialen Angebote über die Gemeinde- grenzen hinweg zu entfalten. Viele Moscheegemeinden brachten sich in der Flüchtlingsarbeit ein, kooperierten mit Anbietern der etablierten Wohlfahrtsverbände oder bauten eigene Angebote auf. Im Gegensatz zur Bundesebene findet man auf der regionalen Ebene, zum Beispiel in Berlin und Hamburg, sehr aktive Gemeinschaften, die zum Beispiel in der Antidiskriminierungsarbeit die „Großen“ längst hinter sich gelassen haben.