Archives 2018

Nur ein Gefühl der Genugtuung und einige hassende Jugendliche mehr

Ich muss gestehen, ich blicke gerade auch nur noch mit Erstaunen auf den aktuell laufenden Özil-Diskurs und denke mir “Leute, was geht da vor”. Meine Verwirrung speist sich dabei aus der Frage, was aus den ganzen Jugendlichen werden soll, die diese Debatte mitbekommen. Und mich wundert es, wer alles in den #dankeMesut Modus einsteigt. Aber sicherlich nicht, weil ich die Position von durch und durch rassistischen Biedermännern wie Grindel oder Reichelt nachvollziehen kann.

Rassismus ist prägend und bestimmend in diesem Diskurs, das steht hier gar nicht zur Diskussion. Aber Özils Reaktion darauf verhöhnt alles, wofür ich mich persönlich mittlerweile ein Viertel Jahrhundert, davon wohl über 15 Jahre bewusst, in der Community einsetze. Er vermittelt den Jugendlichen nämlich keinerlei Art von Resilienz, er hilft ihnen nicht bei der Bewältigung ihres Alltagsrassismus, er gibt ihnen nichts an die Hand, um gegen diesen Rassismus aufzubegehren, anzukämpfen, weiterzukämpfen. Weiterlesen

Eingesperrt in der türkischen Diaspora

Die Verwendung des Begriffs „türkische Diaspora“ im türkisch-deutschen Kontext hat nicht einmal eine lange Geschichte. Gerade sechs bis sieben Jahre sind es her, dass der Begriff im türkischsprachigen Diskurs in Deutschland vermehrt auftauchte. So propagierte der damalige Leiter der Abteilung für Verbandskommunikation und spätere Generalsekretär der IGMG, der heutige AKP-Abgeordnete Mustafa Yeneroğlu, die Verwendung dieses Begriffes – eher im verbandsinternen Alleingang – als eine selbstgewählte Selbstbeschreibung des türkischstämmigen Migranten in Deutschland und Europa. Als AKP-Abgeordneter versuchte er diesen Begriff zur bestimmenden Politik im Umgang der Türkei mit „ihren“ Auslandstürken zu postulieren – bisher mit eher wechselhaftem Erfolg.

Werfen wir einen Blick auf die Genese dieses Begriffs im türkisch-deutschen Kontext, wird klar, warum der Durchbruch außerhalb von türkisch-identitären Kreisen bisher ausgeblieben ist: Dem Konzept und dem Begriff fehlt es an Aufrichtigkeit. Er verspricht ein neues Selbstbewusstsein und reproduziert doch nur alte Unsicherheiten. Er verspricht Authentizität und kann doch nur mit der vermeintlichen Adaption eines fremden, anderen Lebensgefühls aufwarten. Motiviert ist seine Nutzung von dem Versuch, das Selbstverständnis des „gurbet“, der Fremde und dem „gurbetci“, als dem in die Fremde gezogenen Türken abzulösen. Diese werden als verstaubt und antiquiert angesehen, ihre häufige Wiederholung aus der Türkei heraus selbst von hiesigen türkisch-konservativen als mindestens „nervig“ wahrgenommen. Die Rückkehr-Sehnsucht, die dieser Vorstellung immanent ist, sollte abgeschüttelt werden – so lautete zumindest eines der frühen Argumente für den Diaspora-Begriff. Dabei ist die Rückkehr-Sehnsucht dem Diaspora-Begriff immanent, weshalb die Auswahl dieses Begriffes als wenig nachvollziehbar erscheint. Weiterlesen

Waffen gestalten nicht, sie schaffen Fakten, Tote, Verletzte und perpetuiertes Leid

Kann es nur exakt zwei Haltungen zu Afrin geben, die eine türkisch, die andere kurdisch, und jeder hat sich auf eine Seite zu schlagen? Der gesunde Menschenverstand würde wohl in jedem anderen Fall sagen: Quatsch, es gibt kein schwarz und weiß. Hier scheint das unmöglich zu sein. Gerade in der türkischstämmigen Community scheinen wir mittlerweile epistemisch in dermaßen unterschiedlichen Welten zu leben, dass die Grundlage für ein Verstehen immer mehr abhanden kommt. Ich gehöre zu denen, die kein Verständnis für die Militäroffensive zeigen, habe dabei aber einen türkischen Hintergrund, komme selbst aus einem konservativ-religiösen Milieu (ohne mich selbst als konservativ zu verstehen) und sehe die PKK(PYD usw) als menschenverachtende Terrororganisation an, mit der ich schon ideologisch nichts anfangen kann, aber noch weniger mit ihrer Grausamkeit und Gewalt. Dennoch wird meine Position aus Teilen der eigenen Community als “Terrorversteher” wahrgenommen. Wie sie von der anderen Seite wahrgenommen wird, weiß ich gar nicht, weil ich dorthin überhaupt keinen Bezug habe.

Dass ich kein Verständnis für eine militärische Aktion zeige, macht mich aber nicht zu einem Terrorversteher, sondern liegt in der gleichen Ursache, warum ich Terrorgruppen wie PKK und PYD gerne zum Teufel jagen würde: im Einsatz von Waffengewalt. Nicht ihre Ideologie oder ihre Seperationsbemühungen sind es (mit denen ich nebenbei auch nichts anfangen kann), sondern ihr Griff zu den Waffen, ihr Vertrauen auf Gewalt und Grausamkeit. Weiterlesen