Das europäische Kalifat und die Unmöglichkeit einer muslimisch-theologischen Debatte

Das europäische Kalifat und die Unmöglichkeit einer muslimisch-theologischen Debatte

Entsetzt dürften manche Christdemokraten reagiert haben, als sie die Nachricht auf „Welt Online“ lasen. In einem CDU-nahen europäischen Think-Thank soll tatsächlich ein Europa-Kalif gefordert worden sein, zusammen mit der Scharia und allem drum und dran. Besonders die selbsternannte CDU-Extremismusexpertin Kristina Köhler konnte ihre Empörung nicht verbergen.

Cerić’s Forderungen würden darauf hinauslaufen, „dass alle Muslime in Europa unter einem gemeinsamen politischen und geistigen Führer und unter der Herrschaft der Scharia leben – und der Staat soll diese Parallelwelt auch noch per Vertrag garantieren”, sagte sie gegenüber Welt Online. In der Konsequenz führe das “zu einem europäischen Kalifat”, stellte Köhler fest. Dabei hätte eine aufmerksame konzentrierte Lektüre des Beitrags wesentlich weniger Aufregung heraufbeschworen, solange der Leser oder die Leserin auch nur im Ansatz bereit gewesen wäre, bestehende Vorurteile gegenüber Begriffen wir Schariah oder Imamet zumindest für die Lektüre zur Seite zu legen. Insbesondere der Umstand, dass Ceric diese Begriffe in seinem Beitrag „Die Herausforderung einer gemeinsamen muslimischen Vertretung in Europa“ (so müsste die Überschrift richtigerweise in den deutschen Kontext übersetzt werden) explizit definiert hat, zeigt ganz deutlich, dass die verzerrte Wahrnehmung demnach nicht einfach nur sprachlichen Verständnisproblemen angelastet werden kann.

So legt Ceric in seinem Vortrag klar dar, was er zum Beispiel unter dem Begriff shari’ah versteht, nämlich eine Weltanschauung, in der die Muslime einen Bund mit Gott eingegangen sind, wie zuvor schon Juden und Christen („In the shari’ah as their Weltanschauung, Muslims have their covenant with God…“, S. 42). Es ist dann auch diese Weltanschauung über einen Bund zwischen Gott und dem Muslim, der ewig anhält, nicht verhandelbar und unkündbar ist. Ceric unterscheidet explizit zwischen diesem ewigen Bund und dem fiqh, dem angewandten islamischen Recht („Islamic applied law“, S. 43), denn dieses wäre gerade nicht ewig, es sei verhandelbar und aufhebbar („not perpetual, it is negotiable and it is terminable“, S. 43). Auch das Imamat („imamate“, S. 43) spricht Ceric nicht im Sinne des historischen Kalifats an, sondern als ein Produkt der islamischen Rechtstheorie – als ein menschliches Produkt, dass in der Geschichte sogar im Widerspruch mit der Lehre und der Moral des Islams stehen konnte. Die historische Definition dieses Begriffs sieht gerade Ceric als problematisch an (S. 44).

Letztendlich kommt Ceric zu dem Schluss, dass Muslime Europa als Haus des Friedens anerkennen müssten. Die Muslime müssten sich darin klar sein, dass ihr minimaler Anspruch der Schutz vor gesellschaftlicher Beeinträchtigung in ihrem kulturellen Leben und ihr Maximalanspruch der auf gesellschaftliche Anerkennung aufgrund ihres positiven Beitrags zum europäischen Gemeinwohl sein müsse. „Wir definieren den Muslim als eine Person mit einer Treue zu Gott aus einem Willensakt seines Herzens (Glaube); und wir definieren den Bürger als eine Person mit dem Bewusstsein für Pflichten gegenüber dem Staat aus einem Gebot der Vernunft heraus.“ (S. 46) Ceric geht es um eine einheitliche institutionelle Vertretung der Muslime – so würden wir „single muslim authority“ in Deutschland nennen – die in dieser Funktion als Religionsgemeinschaft natürlich auch religiöse Autorität beanspruchen würde. Ihm geht es nicht um die Reaktivierung eines historischen Kalifatsverständnisses, noch um eine muslimisch-staatliche Instanz neben dem Staat.

Unabhängig von den Aussagen Ceric führt die ganze Aufregung um seinen Aufsatz noch einmal sehr deutlich vor Augen, mit welchen Problemen eine substantiierte islamisch-theologische Debatte in Deutschland zu kämpfen hat. Weite Teile der Politik haben grundlegende Begriffe der islamischen Theologie zu Tabu-Begriffen erklärt. Dabei muss klar sein, dass ein aufrechter theologischer Diskurs nicht ohne grundlegende Begriffe wie Dschihad, Scharia, Ihlas, Takwa, Fiqh und vielen anderen geführt werden kann. Erschreckend ist aber, dass anscheinend sogar bei Politikern der christlichen Parteien jegliche Sensibilität für einen theologischen Diskurs verloren gegangen ist. Ein Problem, dessen Tragweite sich wahrscheinlich nicht auf die islamisch-theologischen Debatten beschränken wird.

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Den Beitrag von Mustafa Ceric kann man hier nachlesen.

(Erstveröffentlichung 14. Mai 2008)

Von Kopftuch bis Scharia: Was man über den Islam wissen sollte

 

Das islamische Recht: Geschichte und Gegenwart

 

 

Engin Karahan

Engin Karahan war über zehn Jahre in muslimischen Migrantenselbstorganisationen (MSO) für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit, Organisationsmanagement und Religionsverfassungsrecht zuständig. Unter anderem war er in diesen Funktionen an der ersten und dritten Deutschen Islamkonferenz des Bundesinnenministeriums und dem Dialogforum Islam des Landes Nordrhein-Westfalen beteiligt. Karahan ist Gründungs-und Beiratsmitglied der Alhambra Gesellschaft e.V.

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