Die Zeit der Ausländerbeiräte ist vorbei, Kommunalpolitik findet im Stadtrat statt

„Der Aus­län­der­bei­rat kann sich mit Ange­le­gen­hei­ten der Gemeinde befas­sen.“ So heißt es in der nordrhein-westfälischen und ähnlich auch in ande­ren Gemein­de­ord­nun­gen. Die For­mu­lie­rung macht es deut­lich – so rich­tig viel hat der Aus­län­der­bei­rat in den Gemein­den nicht zu sagen. Er ist in der Regel ein Bera­tungs­gre­mium, das oft nur dann ange­hört wird, wenn die Belange von Aus­län­dern betrof­fen sind.

Der Aus­län­der­bei­rat ist aber eines der weni­gen Gre­mien, in denen auch Nicht-EU-Ausländer mit ihrer Stimme oder gar als Kan­di­dat poli­tisch tätig wer­den kön­nen – doch zumeist ohne Wir­kung. Diese „ziel­grup­pen­ori­en­tierte Betei­li­gung“, wie es Joa­chim Det­jen nennt (in: Demo­kra­tie in der Gemeinde, Nie­der­säch­si­sche LPB, Han­no­ver 2000) strebt zwar an, „bestimm­ten Bevöl­ke­rungs­seg­men­ten, die unter Par­ti­zi­pa­ti­ons­ge­sichts­punk­ten als benach­tei­ligt gel­ten, Kom­pen­sa­tion zu ver­schaf­fen“. Über eine bera­tende Funk­tion geht die Kom­pe­tenz des Bei­rats nicht hin­aus. Selbst in Bun­des­län­dern wie Nordrhein-Westfalen, in denen statt des nur bera­ten­den Aus­län­der­bei­rats die Ein­rich­tung eines zumin­dest mit beschränk­ten Ent­schei­dungs­be­fug­nis­sen aus­ge­stat­te­ten Inte­gra­ti­ons­ra­tes mög­lich ist, soll nun diese beschränkte Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz wie­der zurück­ge­fah­ren werden.

Foto: Alexander Hauk / www.alexander-hauk.de - PIXELIO / www.pixelio.de

Foto: Alex­an­der Hauk / www.alexander-hauk.de — PIXELIO / www.pixelio.de

Sollte man des­we­gen trau­ern? Man kann, muss es aber nicht. Denn die Aus­län­der­bei­räte hat­ten und haben immer noch ein gra­vie­ren­des Pro­blem, näm­lich ihre feh­lende Akzep­tanz unter den Migran­ten. Es gab in den 90ern noch Zei­ten, als man sich in tür­kisch­stäm­mi­gen Migran­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen noch auf­ge­regt auf die anste­hen­den Aus­län­der­bei­rats­wah­len vor­be­rei­tet hat, Lis­ten erstellt, mit ande­ren Lis­ten koaliert und letzt­end­lich zum Gang zur Wahl­urne auf­ge­ru­fen hat. Die Zahl der Ein­ge­bür­ger­ten war damals noch sehr über­schau­bar, was den Urnen­gang für die meis­ten zu einem Novum, etwas Beson­de­rem machte. Man lebte zwar schon seit über zwei Jahr­zehn­ten in einem demo­kra­ti­schen Land, hatte jedoch weder die Mög­lich­keit, sich in der alten Hei­mat demo­kra­tisch zu betä­ti­gen, noch in der neuen an Wah­len teilzunehmen.

Doch der Glanz der Aus­län­der­bei­räte ver­flog sehr schnell. Zum einen trug dazu die Ohn­macht die­ser Gre­mien bei, die Belange der aus­län­di­schen Wäh­ler tat­säch­lich in die städ­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dung ein­zu­brin­gen. Zum ande­ren fehlte den meis­ten Gewähl­ten in die­ser Funk­tion ein­fach der Rück­halt in der Migranten-Community. Es waren ent­we­der Ein­zel­kämp­fer, die kaum einen Draht zu der Basis und den Migran­ten­or­ga­ni­sa­tio­nen hat­ten, denen sie ihre Wahl ver­dank­ten oder es waren „Par­tei­sol­da­ten“, die aus der Par­tei man­gels „ver­füg­ba­rer“ Stadt­rats­plätze in den Aus­län­der­bei­rat ent­sandt wurden.

So durfte man sich nicht wun­dern, dass in vie­len Kom­mu­nen die Wahl­be­tei­li­gung auf ein­stel­lige Pro­zent­zah­len zurück­ging, nicht sel­ten wurde die nötige Betei­li­gung für eine gül­tige Wahl erst gar nicht erreicht.

Die Aus­län­der­bei­räte als Organe zur Mit­wir­kung von Migran­ten sind nicht nur des­we­gen ein Aus­lauf­mo­dell. Sie wur­den zu einer Zeit ein­ge­rich­tet, als es adäqua­ter Ansprech­part­ner auf der Migran­ten­seite fehlte. An ihnen betei­ligt waren damals oft nur ein­zelne Prot­ago­nis­ten, die sowohl des Deut­schen mäch­tig waren und zu den Weni­gen gehör­ten, die sich hier eine Zukunft vor­stel­len konn­ten. Beide Vor­aus­set­zun­gen haben sich geän­dert. Weder fehlt es an der Sprach­fä­hig­keit von Migran­ten, noch an zivil­ge­sell­schaft­li­chen Initia­ti­ven von Migran­ten, die ihre Zukunft in Deutsch­land sehen und die beson­ders auf kom­mu­na­ler Ebene insti­tu­tio­nell Bera­tungs– und Auf­klä­rungs­auf­ga­ben, wie andere zivil­ge­sell­schaft­li­che Akteure auch, wahr­neh­men kön­nen und wollen.

Der Ort für die poli­ti­sche Betei­li­gung von Migran­ten auf kom­mu­na­ler Ebene ist somit nicht mehr der Aus­län­der­bei­rat, son­dern die eta­blier­ten Par­teien und die Stadt­räte. Zwei­fel­los wird der Umstand, sich gegen­über Kan­di­da­ten mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, die auch in ihrem Her­kunfts­mi­lieu ver­wur­zelt sind, zu öffnen, von man­chen Par­teien zwar eine immense Inte­gra­ti­ons­leis­tung for­dern. Daran führt aber kein Weg vor­bei, wenn wir wol­len, dass eine nicht zu unter­schät­zende Zahl von Men­schen nach fast 40 Jah­ren end­lich auch aktiv und effek­tiv an unse­rer Demo­kra­tie teilnimmt.

(Erst­mals ver­öf­fent­licht auf MiGAZIN.de)

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